Das Leben ist wild!

Der seidene Faden!

2 Kommentare

Ich arbeite in einem Internat für körperbehinderte Menschen. Manchmal habe ich Wochenenddienst. Meistens sind die Dienste ruhig. Nur ein Bruchteil der BewohnerInnen ist da. Viele sind zuhause.

Normalerweise bin ich für eine Gruppe zuständig. Am Wochenende ist dies anders. Da sind wir mit drei pädagogischen MitarbeiterInnen für sechs Gruppen zuständig. Die BewohnerInnen können klingeln und dann kommt einer von uns. Es klingelt … aber dort, wo es klingelt, ist eine Kollegin, denn es ist ihre Gruppe. Es klingelt nochmal. Hm. Im gleichen Moment geht die elektronische Tür auf. Am Schritt erkenne ich – das hört sich nicht gut an und springe auf. „Komm schnell rüber, er hat einen Anfall!“ ruft mir eine Bewohnerin zu … und ich bin schnell.

Das sind die Momente meines Jobs, die mich so sehr angehen. Es liegt nicht in meiner Zuständigkeit, dass das und wie es passiert. Da fällt ein junger Mann einfach um. Epilepsie. Das, was da gerade passiert, nennt man einen „Grand Mal“. Der „typische „große“ Anfall mit Bewusstseinsverlust, Sturz, Verkrampfung und anschließend rhythmischen Zuckungen beider Arme und Beine!“. Jetzt muss es schnell gehen. Als ich dazu komme, ist er nicht mehr bei Bewusstsein. Das Gegenmedikament ist schon verabreicht. Eine Minute. Eine lange Minute völliger Weggetretenheit. Unsicherheit – kommt er zurück? Ich streife mir die Handschuhe über und wir versuchen den jungen Mann sanft auf die Seite zu legen. Der komplette Hinterkopf ist voller Blut. Unglücklicherweise ist er bei seinem Sturz gegen einen Lifter gestossen. Platzwunden am Kopf sind scheusslich … Ich bin interessanterweise ruhig und versuche die Ruhe auf meine Kollegin zu übertragen. Eine weitere Kollegin versorgt uns mit Material  und während der junge Mann langsam das Bewusstsein bekommt und dabei immer wieder aussetzt … halte ich ihn. Er will in seiner Orientierungslosigkeit nicht liegen. Richtet sich auf. Ich bleibe hinter ihm. Meine Gedanken kreisen nur noch um das, was gerade vor mir passiert. Halten. Einfach Halt geben. Es fühlt sich an wie in einem Kokon. Das Geschehen verlangsamt sich auf eigenartige Weise.  „Wir müssen die Blutung stoppen“ – klare Anweisungen, einfache Handlungen. Ein kurzes Anblicken: „Alles ist gut“ Wir rufen den Notarzt. Die Minuten verrinnen. Er verliert sich immer mal wieder in Trance. Aber das Medikament wirkt.

Nach einer halben Stunde ist es vorbei. Die Sanitäter haben ihn mitgenommen. Er kann selbst laufen. Redet klar. Dennoch … Er ist erschöpft. Wenn so etwas passiert, schläft er meist 20 Stunden wie ein Stein. Der Körper hat alle Reserven aufgebraucht.

Wir stehen auf dem Balkon. Es muss kalt sein dort draussen, damit ich mich spüren kann. Jede tut, was ihr gut tut. Eine raucht. Ich esse eine Mandarine. Das Schälen des unscheinbaren Obstes fokussiert mich. Hält mich im Jetzt. „Immer mit Dir!“ sagt meine Kollegin. Im Sommer mussten wir in einem Dienst dreimal den Notarzt rufen. Man fühlt sich wie im falschen Film.

Um halb elf ist mein Dienst rum. Er endet etwas später, weil auf meiner Gruppe der Freund einer Bewohnerin nicht gehen will. Himmel. Was ist das denn heute? Zuhause. Ich bin froh, jetzt zuhause zu sein. In gewohnten Bahnen. Alles hat seinen Platz. Ich laufe durch das Haus, will eigentlich nur in mein Bett. Mein Hals schmerzt. Morgen werde ich Halsschmerzen haben.

Morgen früh werde ich zudem meine Buben wecken. Es wird ein normaler Montag morgen werden. Und ich werde dankbar sein, dass wir alle gesund sind. Manchmal braucht es nicht mehr. Glück ist ein kleiner kostbarer Teil meines Lebens.

Advertisements

Autor: trix

Wissenwollerin. Storyteller. Und meist eine etwas ver-rückte Sicht auf die Dinge - vor allem die kleinen am Wegesrand. :)

2 Kommentare zu “Der seidene Faden!

  1. Wenn ich, meistens von Kollegen, gefragt werde wie denn mein Tag soweit läuft, antworte ich immer: „Jeder Tag an dem ich aufwache und atme ist ein guter Tag“. Viele können diese Antwort nicht verstehen. Aber wenn man solche Erfahrungen hat wie du in diesem Artikel so artistisch beschrieben hast, lernt man für Gewöhnliches dankbar zu sein und lässt sich von kleinen Problemen im Büro nicht den Tag vermiesen.

  2. Oh ja…wir sind uns zu selten dessen bewusst, was wir haben. Gesundheit, Familie, Freunde…..
    Ein junger Kollege ist diese Woche zum Arzt, weil ihm öfter mal schwindelig war. Mittlerweile läuft alles auf die Diagnose MS hinaus. Schade, dass es oft das Leid anderer braucht, um uns bewusst zu machen, wie gut es uns geht
    LG

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s