Das Leben ist wild!

Haustürbegegnung!

15 Kommentare

Manchmal frag ich mich wirklich, was der liebe Gott mit mir so vorhat.

Eben klingelt es an der Tür und ich mache die Tür auf. Das Essen steht halb fertig auf dem Herd – der Zeitpunkt ist also eh schon nicht der Beste. Da steht ein Kerl vor mir. Völlig abgerissen. Runtergekommen.  Unrasiert. Drei Zähnchen noch im Mund und nuschelt etwas von Tieren und Zirkus – soweit ich ihn verstehe. Ob ich Geld für ihn hätte …

Ich schau ihn lange an. Lange. Und sage dann, wie ich es üblicherweise immer an der Haustür mache, dass ich nichts an der Haustür gebe. Es ist etwas Grundsätzliches. Punkt. Nicht diskutierbar, seit ich vor Jahren gutmütigerweise einer Drückerkolonne zum Opfer gefallen bin. Egal ob Krankendienste, Zeitschriftenverkäufer, Apfelbauern, Zeugen Jehovas. Es ist mir wurschtegal. Ich mache es nicht.

Naja – ausgerechnet da kommt auch noch das Prachtexemplar von Besuchskater hinter mir her und schaut mit zur Tür raus. Da explodiert er: „Für jeden Scheiß habt ihr Geld. Die am Supermarkt kriegen was von Dir und ich muss wieder rumrennen wie ein Bekloppter. Ein Euro tut Dir doch nicht weh!“ Mit diesen Worten und wildfuchtelnd macht er sich total angekäst auf den Weg. Ich bleibe sprachlos stehen. Der Kater auch.

Kleidercheck: alte Stiefeletten hab ich an den Füssen. Die Flohmarkthose für 2,50. Longsleeve und Strickpullunder. Eine alte Strickjacke. Und irgendwie, weil es mich friert, hab ich noch die übergroße Beanie meines Mannes an. Allerdings eine Bench.

Wohnraumcheck: ruhige Einfamilienhauswohngegend. Einzelstehend. Garten. Gepflegter Vorgarten ist in dieser Tristesse etwas anderes. Kinderspielzeug. Stöcke. Steine. Kreide. Böller. Familienauto vor der Tür. Großes.

Dieser Mann sieht nur Äußerlichkeiten und maßt sich an, mich wie den letzte Dreck behandeln zu können. Als großkotziges Arschloch, das keinen Blick für die Armut der Welt übrig hat. Geht es eigentlich noch?

Er schaut nicht hinter die Kulissen, Diskriminierung gehört doch eigentlich in die prollige Mittelschicht. Wisst ihr, ich könnt da echt an die Decke gehen. Diese Anmaßung über andere Menschen zu urteilen. Ich weiss doch gar nicht, was das Leben des anderen ausmacht!!! Und ihm geht es doch genauso. Wann sehen wir denn mal hinter die Kulissen?

Ab und an steht einer bei uns in der Innenstadt. Becherchen aufgestellt. „Ich bin arm“. Einigermaßen wetterfest angezogen. Die Geschichte dazu: er hat keine Lust, sich fest in einen Job zu pressen. Doch ja, eine kleine Wohnung hat er. 10 Meter weiter parkt er seine Vespa.

Im Supermarkt spricht mich ein stadtbekannter Sandler an. Ob ich ihm Geld für Filtertüten geben könnte. Die guten von Melitta. Ich nehme die Hausmarke und sage ihm, dass ich sie mit an die Kasse nehme, bezahle und ihm dahinter gerne gebe. Nein – das will er nicht, pampt er mich an.

In der Landeshauptstadt sitzen in der der elitären Einkaufsmeile zwei Punks mit ihrem Hund. Sie albern herum und legen einen Behälter vor sich. Ich schmeisse etwas Kleingeld rein und wir wünschen uns lachend einen guten Morgen.

Es mag vielleicht seltsam klingen, aber wenn es etwas gibt, was ich mir erwarte, ist der Respekt vor meiner eigenen Entscheidung. Ich hasse es, wenn mir etwas aufgezwungen wird, von dem ich denke, ich kann es selbst entscheiden.

Nein. Ein Euro tut mir nicht weh. Ich muss in anderen Dimensionen sparen. Ich habe auch vollkommen andere Probleme als dieser Mensch eben. Aber das weiß er nicht. Er kann nur eine Einschätzung abgeben von dem, was er sieht. Ich könnte kotzen wegen soviel Borniertheit. Er weiss weder, wo noch wieviel ich spende. Weiß nichts von evtl. Ehrenämtern. Hilfsbereitschaft und Mitmenschenpflege.

Alles, was er sieht, ist eine Frau in einem Einfamilienhaus. Und ein gepflegter Kater, der zur Tür rausschaut …

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Autor: trix

Wissenwollerin. Storyteller. Und meist eine etwas ver-rückte Sicht auf die Dinge - vor allem die kleinen am Wegesrand. :)

15 Kommentare zu “Haustürbegegnung!

  1. Ich habe letztens einen Hinz und Künztler ( Obdachlosenzeitung) gesagt, ich hätte jetzt die Zeitung schon zweimal gekauft, aber ob er einen A’saft oder ein Stück Obst haben möchte. Da grinste er mich zahlarm an und meinte total nett, wenn es mir nichts ausmache, dann gern ne Tüte….Milch. Jo, mach ich gern! An der Tür lass ich mich nicht anpampen ( da schließe ich flottikarotti die Tür!) oder ich lass mir auch nix aufschwatzen, ebenso diskutiere ich nicht mehr mit Zeugen oder Mormonen. ( Ich reinige auch öfter die Klingelschilder, falls da irgendwelche Geheimzeichen dran sind, dass im Haus was zu verkaufen ist. NÖ , ist nicht!) Keine Lust, keine Zeit und vor allem MEINE ENTSCHEIDUNG. Ich kann dich richtig gut verstehen.

    • Ich bin ja wirklich menschenverträglich und mir macht das auch nichts aus, wenn sie mal ganz abgerissen aussehen. Aber das ging mir zu weit. Vor allem plagt mich dann so ein Ausbruch und ich denk dann immer, ob ich zu hart war? Aber nee. Nee. Nicht an der Haustür.

  2. ich meinte übrigens „zahnarm“ ;-)

  3. So, zweiter Versuch einen Kommentar abzulassen…Das hatte ich ja noch nie hier bei WP…
    Hallöchen ! Ich bin zum Glück noch nie an der eigenen Haustüre angebettelt worden. Früher, auf der Straße schon ein ums andere mal – Hass ma ne Maaak – oder eben heutzutage – has ma n euro – oder die allgegenwärtigen (aber IMMER sehr freundlichen) H+ K Verkäufer und auch die Punks. Meistens lassen sie mich eh in Ruhe, wahrscheinlich umgibt mich eine abweisende Aura. Ich hoffe immer nur, das ich N I E in so eine Lage kommen möge, ich glaube das könnte ich nicht verkraften ! Ich gebe nicht immer, aber meistens, ohne Zwang. LG *ged*

    • Ich freu mich immer so, von Dir zu lesen! :) Das erstmal. Und dann: Gerd, Du bist so groß – das ist schon respekteinflössend. ;) Ich hoffe ebenfalls, nie in so eine Lage zu kommen. Und ich glaube, wir sind auch nicht dafür gemacht. lg

  4. Ist ja krass und maßlos frech! Ich glaube, ich hätte dem Kerl noch was hinterher geschrien vor Wut… Ich lass mich auch nicht gern anquatschen, und ich kaufe auch lieber was und verschenke es dann. Vor Weihnachten haben zwei Damen im Supermarkt gestanden und Lebensmittel für die Tafel gesammelt, da hab ich mich nicht zwei Mal bitten lassen. Aber an der Haustür kommt mir sowas nicht in die Tüte – reg Dich nicht weiter auf! LG, H.

  5. GsD habe ich eine Gegensprechanlage… ;o)

  6. Hallo Trix,

    Zirkus gehört abgeschafft. Das sag ich denen mit ihrer Blechdose auch genauso. Ich hab zum Glück eine Gegensprechanlage.

    • Hi. Ich hab mir dann diesbezüglich auch Gedanken gemacht. Zirkus ist so ein zwiegespaltenes Ding: auf der einen Seite kann es herzerwärmend sein, aber die kleinen Klitschenzirkusse sind eher so arm, dass es schon fast gar nicht mehr geht. Neulich wurden bei einem Zirkus die Tiere abgeholt, weil das Veterinäramt auf der Matte stand.

  7. Mir schenkt auch keiner was und ich gebe nie auch nur einen Cent. Da fehlt mir irgendwie total das Verständnis. Ich verweise immer auf das grandiose soziale Netz unseres Landes und dass es keiner nötig hat zu betteln. „Gehn’se doch zum Amt!“ Echt unverschämter Kerl. Allerdings kann man solche Wegelagerer wegen Belästigung anzeigen. Dass der sich traut, Leuten im eigenen Heim auf die Nerven zu fallen! Für den Fall, dass er das Betteln berufsmäßig ausübt, reicht manches mal die Frage, ob er seine Einkünfte aus dem Gewerbe denn auch versteuert?

  8. Kann ich auch nicht ab. Ich arbeite im Personalbüro (sagt man das noch so?) und gebe gern meine Visitenkarte wenn welche an der Straßenkreuzung mit ’nem Pappschild stehen „Lost Job. Homeless“. Januar bis September suchen wir immer Arbeiter und die brauchen nichtmal Erfahrung. Das einzige was sie brauchen ist den Willen zu arbeiten. Noch hat mich keiner angerufen.
    Und fang mir gar nicht mit den Zeugen Jehovas an. Sonntag Vormittag. Ich sitze vor meinem Haus, Garage offen, und genieße meinen Kaffee. Kommen zwei Röcke auf mich zu. Ich sage auf Deutsch dass ich nix verstehe. Sie zeigt mir ein Büchlein mit einer Weltkarte. Ich zeige auf Deutschland. Sie blättert ein paar Seiten und gibt mir deutschen Text zu lesen; raffiniert! Dann lässt sie mich sitzen und geht auf meine offene Garage, welche dann ins Haus führt, zu. Da habe ich sie aber doch auf Englisch rausgeschmissen.

  9. O_o Du erlebst ja auch Sachen …

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