Das Leben ist wild!

Circle of life!

11 Kommentare

Das Leben ist wild. Manchmal sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Nur … sind wir uns dessen nicht immer bewusst.

Neulich am Frühstückstisch. Die Sonne scheint als gäbe es kein Morgen. Es ist Wochenende und alle sind entspannt. Kein Stress. Keine Unruhe. Die Terrassentür steht auf. Willkommen Leben.

*

Plötzlich hören wir ein Geräusch. Wie paralysiert halten wir im Kauen inne. Kurzes Aufrichten und erschrockenes Umblicken. Es fiept. In unserem Wohnzimmer. O_o

Mein Blick geht sofort rüber zum Kater, diesem stromlinienförmigen athletischen kleinen Jäger. Dieser sitzt hinter einem Papierkruschelberg und lauert. Und guckt – ebenfalls paralysiert, aber nur kurzzeitig – auf einen kleinen Knäuel am anderen Ende des Papierkruschelberges. „O Gott. Eine Meise.“ – denke ich hektisch. „Kinder, bleibt mal sitzen!“ sage ich ruhig. Genauso gut hätte ich „Auf die Plätze! Fertig! Los!“ rufen können. *Aaaaahhhhh*

Mein Mann hat das überaus zarte Vögelchen gleich hochgenommen. Beinchen angewinkelt und flach atmend lag es da auf der großen Hand. Er hat es rausgesetzt und es ist gleich losgeflogen …

Losgeflogen ist auch ein grauer Schatten. *wuuuuusch* – raus aus dem Haus und pfeilgerade und äußerst schnell und leise ab ins Gebüsch. Meinem großen Sohn entglitten die Gesichtszüge, als der (mistige) Kater mit dem (bedauernswerten) Meisenvogel wieder auf der Terrasse erscheint.

Stolz. Machohaft. Riesengroß. Gefährlich. Tödlich.

„Ich hab keinen Hunger mehr.“ sagt mein Kind und geht nach oben. Die Sonne scheint und dennoch überschatten Wolken das Geschehen.

„Soll ich sie retten?“ fragt mein Mann. „Dann musst Du sie umbringen.“ antworte ich. Ich bin da pragmatisch. Zum jetzigen Zeitpunkt ist Mitleid in Form von „leben lassen“ nicht mehr angebracht. Der Kater ist ein verflixt guter Jagdgeselle. Himmel auch.

Die Gemütswolken werden immer dicker und grauer während das kleine Vögelchen auf unserer Terrasse vom Kater beobachtet die letzten Atemzüge tut. :(

Irgendwie ist das Frühstück beendet. Keiner hat mehr so recht Appetit. Von Hunger ganz zu schweigen. Ich gehe auf die Terrasse und wickle den kleinen Kerl achtsam in ein wenig Zeitungspapier. Akkurat gefaltet, um ihn nicht zusätzlich zu verletzen … Einfach in die Tonne schmeissen finde ich äußerst erbärmlich. Der Wunsch, den kleinen Vogel auch jetzt noch zu schützen, ist groß.

Dann gehe ich zu meinem großen Sohn, der lauthals schluchzend im Bett liegt. Er weint und weint und weint … leise setze ich mich zu ihm aufs Bett und wir reden. Darüber, dass Mäuse fangen noch mal was anderes ist, aber dennoch nicht weniger grausam. Über den Unterschied vom darüber Hören und dem Miterleben unschöner Dinge. Über den Kater und über den Vogel. Darüber, dass das Leben einem Kreislauf unterliegt und jedes Lebewesen dort seinen Platz hat.

Wir reden also über das Leben und den Tod. Und ich wünsche mir sehr, dass sich mein Sohn diese Sensibilität gegenüber dem Sein in all seinen vielfältigen Darstellungsformen bewahrt. Gerne …

ein Leben lang.

Die Trauer bleibt mir nicht lang erhalten. Da ist ja noch ein zweiter Sohn. Ein wenig jünger und noch nicht angekommen in der Realität dieser ach so wilden Welt. „Mama. Machst Du ein Foto?“. „Von wem?“. „Na – von dem Kater und der Meise.“  … „Für was?“ (im Kopf blinkt laut das Logo der „B.ild“-Zeitung)

„Mach doch mal ein Foto und schick es dem Herrn S.“ (seinem Lehrer) „Öhm.“

„Dann können wir es uns in der Klasse auf dem Whiteboard anschauen.“ Zeit, für Mama, mal zu intervenieren. „Schatz. Das mache ich nicht. Der kleine Vogel ist außerdem schon längst beerdigt. Ich glaube nicht, dass das eine so gute Idee wäre.“

Jetzt stelle ich mich auf lange Diskussionen ein. Aber …

„Gut.“ sprach’s und geht von dannen. O_o

 

Das Leben ist wild. Irgendwie.

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Autor: trix

Wissenwollerin. Storyteller. Und meist eine etwas ver-rückte Sicht auf die Dinge - vor allem die kleinen am Wegesrand. :)

11 Kommentare zu “Circle of life!

  1. Mein Töchting wäre auch untröstlich gewesen.

  2. Meine selige Katze hatte sich auch mehrfach Vögel vom Balkon aus geschnappt. Einer hatte noch gelebt, den haben wir dann in den Park gebracht, wo er dann aus meiner Hand geflogen ist…

    Eiskalte Killer auf Samtpfoten…

  3. So ist das leider in der Natur, manchmal traurig und für den Menschen noch unmittelbar zu erleben. Ganz anders als bei den Tieren, die wir essen und die dafür meist unter unzumutbaren Bedingungen gehalten werden.
    LG, Franka

  4. mah, was für eine herzzerreißende Geschichte! Ich war als Kind auch jedes Jahr furchtbar entsetzt, dass die Ringelnatter und die Libellenlarven im Teich das Sagen haben und so viele Kaulquappen verspeisen können… und trotzdem haben immer ein paar ganz schlaue Kaulis überlebt und sind zu hübschen Springfröschen oder Erdkröten herangewachsen. :-)
    Alles Liebe,
    Eleni

    • Das ist der Lauf des Lebens. Mal geht es so und mal so aus. :) Libellen haben übrigens auch nichts zu lachen in unserem Garten! O_o

  5. Beim Essen finde ich das zwar auch nicht gerade appetitlich… Aber das ist Natur eben auch. Ich verstehe um ehrlich zu sein nicht so ganz, wie man betroffen von so ewas sein kann. Die Meise hatte immerhin ein freies Leben und wurde letztlich von ihrem „Feind“ gefressen. Vielleicht könnte man darüber diskutieren, ob es sinnvoll ist, Hauskatzen zu halten. In manchen Gegenden sind Hauskatzen eine ernsthafte Bedrohung für Vögel. Wenn das bei euch kein Problem ist und die Katze raus darf, ist es Natur … Natur ist nicht Harmonie. Aber Betroffenheit… Nein, ich kann es wirklich nicht emotional nachvollziehen.

    Dein Fazit, dass es „wild“ ist, würde ich deshalb voll und ganz unterschreiben. :)

    • Och … ich bin ja ein Landmädchen. Betroffen war ich gar nicht mal. Es ist nur so, dass meinen Kindern das nicht so offensichtlich bewusst war, dass eine Katze einen großen Jagdtrieb hat und diesen auch auskostet. Eine gute Lektion des Lebens, dass nicht alles so harmlos scheint, wie man meint. Ken Takel sagte das ganz gut: „Killer auf Samtpfoten“ ;)

  6. Tja, irgendwann kommen die Kleinen unwillkürlich in der „wirklichen Welt“ an und merken, dass nicht immer alles gut ausgeht. Schade, man würde sie eigentlich gerne so sehr davor beschützen, oder? Aber gleichzeitig ist es auch eine wichtige Lektion. Gut gemacht, Mama!

  7. Am Anfang etwas ungewohnt und verstörend, aber man gewöhnt sich daran. Genauso wie das Futter aus der Dose nicht immer so appetitlich aussah, sondern auch mal ein gesundes Tier war (hoffentlich…). Wie jedes Schnitzel, jede Bratwurst. Sohnemann übernimmt bei uns mittlerweile das waidgerechte Töten angeknabberter Beute. Hat er beim Angeln gelernt. Und ich bin froh, weil ich schon gefühlte 100 Male mit dem Spaten in der Hand Frau Amsel nicht auf humane Art und Weise mit einem Schlag erlösen konnte, sondern sie qualvoll den letzten Gang machen lassen musste. Aber langsam habe ich meine Heulkrämpfe unter Kontrolle ;-)

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